Von der ewigen Suche
Eine Parabel, geschrieben am 07. März 2006.
Er durchschritt das Tor. Es war nicht einfach nur ein Tor, es war das Tor. Die Quelle. Der Zugang. Die Erkenntnis. Ziel und Ausgangspunkt zugleich.
Das Tor war mächtig und groß. Es war ein Symbol und eine Konstante. Ein Fakt, eine Tatsache. Es existierte nicht einfach nur, sondern es war. Es war es: das Tor.
Er wusste nicht, was hinter dem Tor lag. Er wusste nicht einmal richtig, was vor dem Tor lag. Doch er durchschritt es, durchkreuzte es auf der ewigen Suche.
Er suchte schon lange. Und noch lange würde er brauchen, um zu suchen. Ob er finden würde, wusste er nicht – doch vielleicht müsste er gar nicht finden. Vielleicht reichte die Suche aus. Vielleicht auch sollte er ja gar nicht finden, vielleicht sei das Tor ein Symbol dafür, dass er nicht finden sollte.
Nicht finden dürfte.
In gewissem Maße ist ja das Tor etwas, nachdem er suchte – es ist eine Antwort, eine Antwort auf viele Fragen, die auf dem Weg vor ihm lagen. Und auch eine Antwort auf eine Frage, die erst auf dem Weg nach dem Tor kommt. Doch zugleich ist das Tor nur eine weitere, eine neue, von vielen anderen Fragen auf der langen Straße. Auf der Suche.
Nicht nur er sucht. Alle suchen. Ein jedes Ding das denkt, sucht. Danach. Nach der Antwort, nach dem Tor. Nach dem Schlüssel. Es ist die Antwort auf die Frage; das Tor zu dem Ziel. Der Schlüssel zum Tor. Tor und Schlüssel zugleich. Es ist.
Doch soweit war er noch nicht. Wahrscheinlich würde er nie soweit kommen, und doch suchte er. Und als er nun an sein Tor gelangte, war es ihm, als wäre er am Ziel. Als wäre er am Ende, als hätte er eine Antwort gefunden, die ihn zufrieden stellen würde.
Als wäre der Weg zu Ende.
Doch schnell lief er weiter, automatisch. Natürlich war das Tor nicht die Antwort, nur eine Frage. Oder viele Fragen. Und natürlich auch eine Antwort, aber eben nicht die Antwort.
Und er suchte weiter, beschritt den Weg, den ewigen Weg, der kein Ziel hatte, das er je erreichen konnte. Das je jemand erreichen konnte.
Und doch hatte er es längst erreicht, ohne es zu wissen. Ohne es zu mutmaßen. Ohne es mutmaßen zu können. Er konnte ja auch nicht ahnen, dass das Tor, das er suchte – die Antwort auf alle aufgeworfenen Fragen, das Ende des Weges, das Ziel – dass es nicht das war, was er sich vorstellte. Dass es nicht dort war, wo er es zu finden dachte.
Es war nicht am Ende des Weges.
Es war nicht einmal das Tor.
Es war er. Und indem er nach sich selbst fahndete, trieb er sich voran, durchschritt ein Tor nach dem Anderen, beantwortete eine Frage auf die nächste, und auch wenn er – als er verstarb – weder am Ziel angelangt war, noch alle Fragen beantwortet hatte, so hatte er doch gewissermaßen sein Ziel erreicht, denn er war sein eigenes Ziel.

