Fließt die Zeit?

Wie sieht die Wahrnehmung von Lebewesen der vierten Dimension aus? Wie kann man sich das vorstellen, vier Dimensionen? Und, kann man das denn überhaupt?

Fangen wir bei uns an. Nach heutigem Erkentnisstand leben wir - soviel ist sicher - in dem (sogenannten) dreidimensionalen Raum; weniger geht kaum noch: zweidimensionale Wesen können nur nach oben, unten, links und rechts (zumindest wenn man sie sich auf einem Blatt Papier vorstellt); eindimensionale Wesen sich gar nur als Punkte oder Linien auf einer Geraden entlangschlängeln. Also, sofern etwas eindimensionales überhaupt leben kann.

Über uns liegt die vierte Dimension, die, wie allgemein angenommen wird, die Zeit sein muss - jene Dimension können wir nur indirekt wahrnehmen: als Veränderung, Bewegung, Fluss; und zumal: als gerichtete Veränderung. Alles entwickelt sich, nichts entwickelt sich zurück. Die Zeit schreitet voran, niemals rückwärts — so sagen es uns unsere Sinne.

Und was sagt uns der Verstand? Wie sieht die vierte Dimension tatsächlich aus?

Da es reichlich schwer ist, Aussagen über eine Welt zu treffen, die wir nicht einmal wahrnehmen können; nehmen wir uns nun eine andere Welt vor: eine, die wir sehr wohl zu erfassen in der Lage sind.

Voilà, die zweite Dimension. Vieles von dem, was wir wahrnehmen, stellt sich uns als eine zweidimensionale Fläche dar: der Monitor, die Schreibtischplatte, die Fensterscheibe, eine Plakatwand - ein Blatt Papier. Im Vergleich: Etwas Eindimensionales wäre viel zu dünn für uns es wahrzunehmen; etwas Dreidimensionales wiederrum können wir uns zwar vorstellen, können es begreifen, doch sehen können wir oft nur Flächen (selbst wenn diese z.B. gebogen sind).

Schon an dieser Stelle lässt sich das erste interessante Gedankenexperiment vollführen: ein Vierdimensionalist, also ein Lebewesen in der vierten Dimension, kann wohl häufig nur die dreidimensionalen Räume, aus denen seine vierdimensionalen Objekte bestehen, wahrnehmen. Nimmt er einen 4D-Stift, malt er (metaphorisch gesprochen) auf ein räumliches Blatt.

Doch zurück zu unseren beschränkten Freunden, den Zweidimensionalisten. An ihnen wollen wir eine viel wichtigere Frage klären: wie stellt sich denn die Zeit wirklich dar? Nehmen wir ein Messer und zerschneiden wir ein dreidimensionales Objekt: wir erhalten eine Fläche. Das lässt sich in der Vorstellung beliebig oft durchführen; 3D-Objekte sind insofern aus unendlich vielen Flächen zusammengesetzt. (Sehen wir hier einmal vom kleinsten Teilchen ab!) Entsprechend sollten sich 4D-Objekte aus unendlich vielen Räumen kombinieren lassen. Nicht, dass man sich das Vorstellen könnte, aber das soll auch gar nicht Zweck der Sache sein.

Zeit fließt. Wie erwähnt: so sagen es uns die Sinne. Doch der einzige Umstand, der uns wirklich dazu bringt, dies anzunehmen, ist die Tatsache, dass wir uns an nix als die Vergangenheit erinnern können. Man mag Ursache und Wirkung beobachten können, und an dieser Stelle gesteh ich auch ein, dass dieser Beitrag hierfür keine sachliche Erklärung finden kann; doch ist es nicht unwahrscheinlich, dass diese Dinge mit Verständnis und Vorstellung der vierten Dimension erklärt werden können.

Nun der entscheidende Schritt: stellen wir uns einen quadratischen Glasblock vor, in dem wir, von vorne betrachtet, ein Strichmännchen eingeschlossen sehen. Bewegen wir uns und schauen um den Quader herum: wir merken wie das Strichmännchen in die Tiefe fließt; seine Bewegungen sind nach hinten hin - in die dritte Dimension hinein - im Glasblock verewigt; es stellt sich uns dar wie eine lange Schlange, die sich vom vorderen zum hinteren Ende des Quaders hindurchzieht.

Stellen wir uns vor, das Strichmännchen ist ein Lebewesen und existiert in Höhe und Breite des Blocks (so, wie wir es zu Beginn gesehen haben); die Tiefe kann es nicht direkt wahrnehmen. Stellen wir uns vor, jene Tiefe wirkt auf ihn wie auf uns die Zeit. Denken wir uns, das Männchen existiert in jeder Fläche des Glasblocks zugleich und kann sich in jedem Moment nur daran erinnern, wie es die Strecke “hinter” ihm “zurücklegte”, nicht jedoch daran, wie es die Strecke “vor” ihm zurücklegen “wird”. Stellen wir uns auch vor, es kann sich in jedem Moment nur an Gedanken, Gefühle und Sinneseindrücke erinnern, die es auf der Strecke “hinter” sich hatte; nicht an jene, die noch “vor” ihm liegen.

Der entscheidende Gedankenkniff liegt freilich darin sich vorzustellen, dass dieses Männchen nicht einzigartig durch die Zeit schreitet, sondern dass es praktisch unendlich oft existiert, zu jedem “Moment” seines Daseins. Aus unserer Sicht nimmt jedes dieser Männchen jeweils stundenlang, tagelang (unserer Zeit) genau das Selbe wahr; doch jedes der Männchen hat dank seiner Erinnerungen den Eindruck, als es selbst durch die Zeit zu schreiten.

Und nun zu uns. Fließt die Zeit?

3 Reaktionen zu “Fließt die Zeit?”

  1. kickino

    Es gibt ja noch die Theorie von der n+1ten Dimension. Einstein zum Beispiel definierte eine fünfte Dimension - die Masse.

    Ich war mal bei einer sehr beeindruckenden Veranstaltung zum Thema Religion-vs.-Physik.
    Da ging man davon aus, dass “Geschöpfe” höherer Dimensionen einfach sich ausserhalb unserer Wahrnehmungen aufhalten können. So z.B. erklärten sie Wunder, indem andere Dimensionsbewohner die Grenzen überschreiten und so z.B. “Operationen” einfach(er) durchführen könnten.
    Die Theorien waren sehr faszinierend.

    Es gibt ja auch Science-Fiction-Geschichten in denen jede unsere Entscheidungen eine neue “Dimension” eröffnet. Das heisst, wir würden in parallelen “Dimensionen” teilweise völlig anderst leben, mit einer anderen Umwelt, mit einer anderen Vergangenheit, mit einer anderern Zukunft,…, in einer anderen Zeit. Teilweise würden wir auch gar nicht leben, wegen unseren eigenen Entscheidungen oder den Entscheidungen Anderer…

    Recht komplexes Thema. Am Ende glauben wir jedoch eh nur dass, was wir beweisen (können) bzw. was wir wahrnehmen können. Zeit nehmen wir jedoch nur wahr mit einem Blick auf die Uhr. Aber ist das die komplette Wahrheit? Vielleicht existieren auch noch Zwischenstufen zw. den Dimensionen….

  2. Jackettfritze

    Hm… Also, ich persönlich habe noch nie nur das glauben können, was ich wahrnehmen und beweisen kann. Wie sonst kann ich religiös sein und dann noch solche Theorien aufstellen wie die oben? :)

    Was die Theorie angeht, dass Geschöpfe höherer Dimensionen sich ausserhalb unserer Wahrnehmung aufhalten können: gut möglich! Ich mein… man stelle sich ein zweidimensionales Lebewesen vor, das auf einer Fläche lebt, die man sehr gut wahrnehmen kann. Dank unserer Dreidimensionalität ist es ja nicht schwierig, sich ausserhalb der Wahrnehmung jenes Lebewesens aufzuhalten.

    Dass Masse eine fünfte Dimension sein könnte klingt extrem faszinierend, leider kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen…

    Von jenen SciFi-Theorien, dass alle Entscheidungen neue Universen eröffnen würden, halte ich ehrlich gesagt sehr wenig; auch wenn so etwas doch wieder sehr an der aus meiner Sicht schönen Theorie grenzt, dass unsere Welt nicht aus Materie und Energie etc., sondern schlicht aus Ideen besteht, wodurch sich z.B. Déja-vù’s erklären lassen.

  3. Michi

    Also ich habe bis jetzt auch noch keine Erfahrungen damit gemacht. Kanns mir auch sehr schwer vorstellen!
    Gruß Michi

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